Unterlassene Kenntnisnahme eines Laborbefunds – Grober Behandlungsfehler

Dez 23, 2018

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Unterlassene Kenntnisnahme eines Laborbefunds – Grober Behandlungsfehler

Medizinrecht/Arzthaftung OLG Koblenz vom 25.09.2017 – 5 U 427/17

Das OLG Koblenz hat es als groben ärztlichen Behandlungsfehler gewertet, wenn der Hausarzt nicht sicherstellt, dass ein Laborbefund sowie die in der Praxis erhobenen Blutsenkungsgeschwindigkeit auch ohne Patientenkontakt vom Arzt ausgewertet und – falls erforderlich – nach Kontaktaufnahme zum Patienten mit diesem besprochen werden.

Die Leitsätze im Einzelnen:

1. Es liegt ein grober Organisationsfehler vor, wenn nicht sichergestellt wird, dass bei der hausärztlichen Versorgung ein Laborbefund sowie die in der Praxis erhobene Blutsenkungsgeschwindigkeit auch ohne Patientenkontakt zur Kenntnis genommen, ausgewertet und erforderlichenfalls nach Kontaktaufnahme zum Patienten mit diesem besprochen werden.

2. Allein der Umstand, dass ein Patient einen Laborbefund einfach persönlich in der Praxis abholt und damit ein Arzt-Patient-Gespräch verhindert, begründet kein Mitverschulden i.S.d. § 254 BGB. 

3. Allein ein möglicherweise vorliegender grober Behandlungsfehler des nachbehandelnden Arztes beeinträchtigt die Zurechnung der kausalen Schadensfolgen gegenüber dem erstbehandelnden Arzt nicht. Die wertende Zuordnung der Schadensfolgen zum Verhalten des nachbehandelnden Arztes kommt nicht in Betracht, wenn die Behandlung durch dessen mutmaßliches Fehlverhalten nicht in eine völlig neue Richtung gelenkt wurde, das durch die Fehlbehandlung des erstbehandelnden Arztes gesetzte Risiko nicht abgeklungen war und beide Fehlverhalten zumindest gleichwertig nebeneinander stehen.

4. Leidet die Mutter der kurz nach Diagnosestellung an Leukämie verstorbenen Tochter anschließend an psychischen Beschwerden, die mit einer weitreichenden Isolierung, dem nahezu völligen Verlust von Lebensfreude sowie einer Beeinträchtigung der Lebensfähigkeit dahin, dass sie gefüttert werden musste, einhergehen, kann dies nicht mehr als „normales Lebensrisiko“ eingeordnet werden.

Das Urteil liegt auch hinsichtlich der Haftung des Nachbehandlers, wenn diesem seinerseits Behandlungsfehler unterlaufen auf der Linie des für Arzthaftungsangelegenheiten zuständigen VI. Zivilsenats des BGH. Solange durch diesen Fehler kein eigenständiges Risiko begründet wird, das zu einem andersartigen gesundheitsschaden als jener Fehler des Erstbehandlers wird dieser nicht entlastet, sondern haftet vollumfänglich für den eingetretenen Schaden (Leitsatz Nr.3). Das OLG Koblenz führt dazu aus:

Grundsätzlich haftet der fehlerhaft erstbehandelnde Arzt für alle adäquat-​kausalen Schadensfolgen. Die Verantwortung entfällt daher weder allein dadurch, dass sich der Patient in die Hände eines die weitere Behandlung vollständig übernehmenden Arztes begeben hat, noch dadurch, dass auch diesem Arzt eigene Behandlungsfehler unterlaufen (vgl. nur BGH, NJW 2012, 2024). Neben dem vorsätzlichen Dazwischentreten Dritter bzw. des Verletzten trifft den Erstschädiger in zwei Fällen keine Haftung. Zum einen, wenn das Erstrisiko bei Weiterbehandlung durch den nachbehandelnden Arzt bereits abgeklungen ist, sich der erste Behandlungsfehler auf den weiteren Kausalverlauf auch nicht mehr ausgewirkt hat, und es deshalb an einem inneren Zusammenhang fehlt (OLG Saarbrücken, MedR 2000, 326). Zudem kommt ein Unterbrechen des Kausalzusammenhangs in Betracht, wenn ein Versagen des nachbehandelnden Arztes in außergewöhnlich hohem Maße festgestellt werden kann, der durch den erstbehandelnden Arzt an sich bereits angelegte Schaden also erst durch ein völlig ungewöhnliches und völlig unsachgemäßes Verhalten des weiteren Arztes (mit dem wegen seiner Ungewöhnlichkeit unter normalen Umständen nicht zu rechnen war), entscheidend ausgelöst wird. Erforderlich ist also, dass der die Zweitschädigung herbeiführende Arzt in außergewöhnlich hohem Maße die an ein gewissenhaftes Verhalten zu stellenden Anforderungen außer Acht gelassen und derart gegen alle ärztlichen Regeln verstoßen haben muss, dass der Schaden seinem Handeln haftungsrechtlich-​wertend allein zugeordnet werden muss (BGH, NJW 2012, 2024, BGH, VersR 2003, 1128). Allein ein grober Behandlungsfehler des nachbehandelnden Arztes ändert an der Zurechnung der kausalen Schadensfolgen gegenüber dem erstbehandelnden Arzt nichts (vgl. auch Geiß/Greiner, Arzthaftpflichtrecht, Rdnr. B 191: nur noch äußerer, gleichsam zufälliger Zusammenhang; Steffen/Pauge, Arzthaftungsrecht, Rdnr. 283: Zurechnung soweit durch groben Behandlungsfehler der Behandlungsverkauf nicht richtungsgebend verändert wurde; Wertenbruch, NJW 2008, 2962: Verhalten im obersten Bereich der groben Fahrlässigkeit).

Mitgeteilt von: Rechtsanwalt und Fachanwalt Medizinrecht in Gießen,   Björn Weil